The Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA)
RAWA


 

 

Junge Welt, September 20, 2008

»Keine Frauenbefreiung im Schatten von Soldaten«

Afghanische Frauenorganisation fordert Abzug der Besatzungstruppen. Angst vor Vergewaltigungen wächst. Ein Gespräch mit Zoya

Interview: Frank Brendle

Zoya ist Aktivistin der Frauenrechtsbewegung RAWA. Sie ist auf Einladung der Linksfraktion in Deutschland und spricht am Samstag auf der Friedensdemonstration in Stuttgart.

Vertreterinnen Ihrer Organisation sind ermordet worden, und Sie selbst müssen unter Pseudonym in wechselnden Verstecken leben. Was ist aus den Versprechungen geworden, mit denen der Krieg gegen Afghanistan gerechtfertigt wurde?

Es gab drei Argumente für den Krieg: Die Befreiung der Frauen, der Aufbau einer Demokratie und die Bekämpfung des Terrorismus. Wenn wir uns die letzten sieben Jahre ansehen, dann sehen wir, daß die US- und NATO-Truppen ihre Versprechungen nicht eingelöst haben.

Frauen sind heute von mehreren Seiten in Bedrängnis: Zum einen leiden sie unter Hunger, es gibt nicht genügend Medizin, keinen Strom, häufig kein Trinkwasser. Zum anderen müssen sie ständig Angst haben, von Taliban oder anderen Kriminellen vergewaltigt oder entführt zu werden. Die Vergewaltigungsrate ist extrem angestiegen, was in der Geschichte unseres Landes völlig untypisch ist. Erst vor kurzem hat Präsident Karsai die Vergewaltiger eines zwölfjährigen Mädchens begnadigt.

Die Medien präsentieren die Abschaffung des Burka-Zwangs als Zeichen der Befreiung. Aber das ist nur ein Symbol. Die meisten Frauen tragen sie immer noch, weil sie sonst nicht sicher sind. Die Burka ist heute ein Schutz, um nicht vergewaltigt zu werden.

Sehen Sie keinen Fortschritt darin, daß Mädchen jetzt die Schulen besuchen dürfen?

Nein, das ist nur scheinbar positiv. In Kabul wurden einige alte Schulen restauriert. Aber in den Provinzen gibt es praktisch keine Schulen, und wo es sie gibt, da fehlen die Lehrer. Wenn es Lehrer gibt, dann fehlen die Toiletten. Und die Mädchen gehen nicht zur Schule, weil sie fürchten müssen, auf dem Weg dorthin vergewaltigt oder entführt zu werden. Wenn es keine Sicherheit gibt, wenn man hungrig ist, wenn einem Medikamente fehlen: Wie soll man dann Bildung genießen? Die Milliarden Hilfsgelder und Zehntausende Soldaten haben keine Sicherheit gebracht. In der Provinz Herat haben sich schon 46 Frauen aus lauter Verzweiflung selbst verbrannt. Es gibt keine Frauenbefreiung, solange das ganze Land im Schatten von Soldaten und Warlords steht.

Der Friedensbewegung wird immer vorgehalten: Wenn die alliierten Truppen abziehen, dann kommen die Taliban wieder an die Macht.

Wir dürfen nicht vergessen, daß es außer den Taliban noch einen zweiten fundamentalistischen Block gibt: die Warlords des Dschihad, die Nordallianz, die von 1992 bis 1996 an der Macht waren. Ideologisch sind die beiden Gruppierungen Brüder, wir von RAWA kämpfen gegen beide. Aber die USA stützen sich auf die Fundamentalisten der Nordallianz und die Regierung Karsai. Dabei sitzen in Regierung und Parlament die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen: die Warlords, Drogenbarone und Stammesfürsten, die alle ihre kleinen Königreiche und ihre Privatarmeen haben. Die Besetzung hat alles nur schlimmer gemacht.

Wie bewerten Sie die Arbeit der Hilfsorganisationen?

Es gibt einige wenige Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die wirklich helfen wollen und deren Mitarbeiter dafür ihr Leben riskieren. Aber die Mehrheit der afghanischen NGOs ist durch und durch korrupt. Es ist ein richtiger Wirtschaftszweig, sie erhalten Milliarden Dollar, und das meiste Geld landet in den Taschen der Warlords und Drogenbosse, der Regierung und der Mafia. All die Gelder, die ins Land geflossen sind, haben kaum etwas verbessert.

Was sind Ihre Forderungen an die westlichen Staaten?

Sie sollten ihre Truppen zurückziehen, und gleichzeitig demokratische Organisationen unterstützen. Es gibt in Afghanistan viele demokratische Bewegungen und Einzelpersonen, die eine Alternative zum Fundamentalismus sein können, aber sie erhalten keine Unterstützung durch Regierungen oder die UNO. Wenn sie uns wirklich helfen wollten, dann sollten sie aufhören, die Fundamentalisten zu unterstützen. Die Kriegsverbrecher im Parlament und in den Regierungsämtern müssen entmachtet und bestraft werden.

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