Gewehrterror der Befreier Kabuls

Milizen der Nordallianzen plündern und brandschatzen trotz des Regierungs-Stichtages zur Entwaffnung

The Observer, 13. Januar 2002
Von: Suzanne Goldenberg, Kabul

Es waren schreckliche 48 Stunden für den Polizeichef Mohamed Sabber Abbasi - eine Entführung, Einbruch, versuchte Autoentführung, und zwei Schusswechsel. Und hierbei handelte es sich lediglich um Verbrechen gegen seine enge Familie.

Aber was Abbasi am meisten ärgerte, als er mit einem Einschuss in der Seite im Krankenhaus lag, war dieTatsache, dass es sich bei den Kriminellen um diejenigen Milizen handelte, die behaupten, Kabul von den Taliban befreit zu haben.

"Die Polizisten von früher sind alle weg und diese Leute plündern und brandschatzen in der Stadt" sagte er. "Das sind alles schlechte Menschen. Die haben keine menschlichen Gefühle und kennen keine Gnade - vom obersten Kommandeur bis hinunter zu den niedrigsten Ränken".

In Kabul regiert die Kalashnikov. Zwei Monate, nachdem die Hauptstadt in die Hände der Nordallianzen gefallen ist, lungern Männer in Tarnanzügen mit Granatwerfern oder Maschinengewehren herum, oder sie rasen in Pick-up-trucks mit geschwärzten Fenstern durch Kabul.

Die Truppen hätten die Stadt bis gestern nachmittag verlassen sollen, das war der Stichtag, welchen der Leiter der Übergangsregierung Afghanistans, Hamid Karzai, für die Entwaffnung und den Abzug der militärischen Truppen bestimmt hatte. Es gibt wenige Anzeichen dafür, dass dies geschieht; das lässt vermuten, dass die Regierung vorsichtig handeln muss, um eine direkte Konfrontation mit den Tausenden bewaffneter Männer zu vermeiden, die durch die Strassen ziehen.

Aber die Verzögerung, und der zunehmende Ärger über eine Welle von bewaffneten Raubüberfällen, Autoentführungen und Morde durch die Milizen bedrohen das Ansehen der Übergangsregierung in den Augen ihres eigenen Volkes.

Die Anwesenheit der Bewaffneten kompliziert auch die Stationierung der 1150 Mann starken britischen Friedenstruppen in Kabul. Die Paras haben begonnen, gemeinsam mit der afghanischen Polizei zu patrouillieren, aber britische offizielle Sprecher lassen verlauten, dass sie nicht aktiv an der Auflösung der Milizen beteiligt sein werden.

"Es ist nicht unsere Aufgabe, die Entwaffnung durchzuführen", sagte Major Guy Richardson; "Wir können helfen, aber man hat uns bislang noch nicht zu Hilfe gerufen".

Diese Vorsicht ist für die Bevölkerung Kabuls enttäuschend, die hofft, dass die internationalen Kräfte ihnen die Ordnung bringen, nach der sie sich so sehnen. Es gibt keine verlässlichen Statistiken bezüglich der Verbrechenswelle, aber das scheint auch keinen Unterscheid zu machen.

So sehr die Taliban auch für ihre repressives Regime des religiösen Zelotismus verhasst waren, so haben sie sich doch den widerwilligen Respekt der Afghanen für ihren Erfolg, Recht und Ordnung zu schaffen und Sicherheit auf den Strassen zu gewährleisten, verdient.

Die Ermordung eines reichen Händlers in der letzten Woche, der auf seinem Weg zur Arbeit erschlagen worden war, und diverse heiß diskutierte Raubüberfälle haben Ängste verstärkt, dass Kabul wieder in die Gesetzlosigkeit, welche die Gegend in den frühen Neunziger Jahren beherrschte, als die Nordallianzen zum letzten Mal Kabul unter sich hatten, zurückfallen könnte.

"Die Milizen rauben Menschen und Autos und brechen in Häuser ein" sagt Amir Mohammed, der im südlichen Stadtteil Karte Nau wohnt.

"Wir hatten Frieden erwartet, aber früher ging es uns viel besser. Wir wollen niemanden mehr mit einem Gewehr auf der Strasse sehen".

Viele der Opfer der Nordallianzen Opfer sind Paschtunen, die größte Volksgemeinschaft Afghanistans, und diese werden von den Kämpfern der Nordallianzen, die einer Minderheit angehören, mit Misstrauen betrachtet, da die Nordallianzen sie mit den hauptsächlich aus Paschtunen zusammengesetzten Taliban gleichsetzen.

Andere wurden zum Opfer, weil sie aussahen, als seien sie reich.

"Vorgestern habe mich fünf Bewaffnete angehalten und mich aufgefordert, sie zu fahren" sagt Amir Mohammed, "als ich ablehnte, haben sie gefragt, wie viel Geld ich hätte und ob ich ein Satellitentelefon hätte."

Abbasi wurde Mittwochnacht verwundet, ungefähr um die Zeit herum, als Karzai den Milizen befohlen hatte, die Stadt zu verlassen. Abbasis Auto wurde an einer Straßensperre angehalten. Als das Auto die Fahrt verlangsamte, bemerkte Abbasi, dass der Posten mit vermummten Gewehtrtraegern besetzt waren, die das Feuer eröffneten; dabei wurde der Polizist, der außerdienstlich unterwegs war, in die Seite geschossen, und sein Bruder wurde in den Magen getroffen.

Diese erschreckende Begegnung geschah nur zwei Tage, nachdem ein weiterer Abbasi-Bruder an derselben Straßensperre aus seinem Auto gezerrt und unter Hinterlassung einer Lösegeldforderung entführt worden war.

Bei beiden Zwischenfällen hatte sich Abbasi an die uniformierte Polizei gewandt. Er sagte, dass die Polizei - aus der Mitte derselben Milizen rekrutiert - sich weigerte zu handeln. Einige der behelfsmäßigen Straßensperren - von den Milizen zum Zweck der Plünderung hilfloser Autofahrer errichtet - wurden am Freitag abgebaut. Aber viele Kämpfer behaupten, dass sie ihre Marschorder noch nicht erhalten hätten und der stellvertretende Innenminister, General Din Mohammed Jorhat, sagte, dass die Regierung eine weitere Woche brauchen würde, um die Entwaffnung durchzusetzen.

Jorhat, der für Kabuls Sicherheit verantwortlich ist, bestätigt den Anstieg der Gewaltverbrechen während der letzten Wochen. Aber mit nur 3000 uniformierten Polizisten für eine Millionenstadt, so gibt er zu, kann er keine volle Kontrolle über die Straßen der Stadt ausüben.

Die meisten Bewaffneten sind Jungen vom Lande, Dorfbewohner aus den nördlichen Provinzen, die im letzten November als Fremde in Kabul ankamen. Sie sollten einen Monatslohn von 500.000 Afghanis erhalten, ungefähr ¤ 47.00 - aber viele haben seit Wochen keinen Lohn erhalten.

"Seitdem die Herrschaft der Taliban in Kabul zusammengebrochen ist, gab es Probleme, und wir haben immer noch Probleme", sagt Jorhat. "Einige der Kommandeure haben Tausende Truppen und nicht alle von ihnen können gute Menschen sein. Da müssen ein paar schlecht Menschen darunter sein".





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