ABCnews.com, 17. Septyember 2001

Das veraengstigte afghanische Volk wartet

Mitglied der Frauengruppe berichtet ueber belagertes Volk, das in Angst vor US-Angriffen lebt

Kommentar
Von Dianne Lynch

17. September - das afghanische Volk erwartet den Krieg

Tausende mussten aus ihrer Heimat fliehen und vereinigen sich mit der Gemeinschaft der Fluechtlinge, die bereits in Lagern in Pakistan und im Iran leben. Tausende mehr haben sich an der pakistanischen Grenze versammelt.

Aber der Rest - diese Millionen normaler Buerger ohne die Mittel fuer eine Flucht - haben keine Wahl als abzuwarten, waehrend die einzige Supermacht der Welt ihre Vergeltung plant.

'Der Horror und die Angst unseres Volkes ueber moegliche US-Angriffe ist unvorstellbar" sagt eine afghanische Frau, die sich Mehmooda nennt, in einem e-mail waehrend der vergangenen Tage. "Seit zehn Jahren wird unser Volk durch die verraeterischen Aktionen dieser Fundamentalisten in Angst gehalten. Vergeltungsmassnahmen seitens der USA waeren eine weitere grauenvolle Belastung fuer unser unglueckliches Volk".

Mehmooda ist eines der ungefaehr 2000 Mitglieder der Revolutionaeren Vereinigung der Frauen Afghanistans, eine pro-demokratische Gruppe, die Bildungsfoerderung, Gesundheitsfuersorge und die Schaffung wirtschaftlicher Moeglichkleiten fuer die am haertesten unterdrueckten Buerger des Landes bieten: die Frauen.

Die Gruppe arbeitet von ihrer Basis in den Fluechtlingslagern entlang der pakistanischen Gernze aus. Mitglieder reisen heimlich nach Afghanistan, um Hilfe zur Verfuegung zu stellen, um Videos von oeffentlichen Hinrichtungen und Auspeitschungen zu drehen, die dann im Internet veroeffentlicht werden, und sie sammeln Informationen. Unter der Gesetzgebung der Taliban, die das Land kontrollieren, steht auf die Mitgliedschaft bei RAWA die Todesstrafe.

Hass-Post aus den USA

Das Leben in Afghanistan war seit der Machtuebernahme der Taliban im Jaher 1986 trostlos, und nun sieht es so aus, als wuerde die Konfrontation mit den USA die Situation fuer die Millionen von normalen Afghanen , die tagtaeglich ums blosse Ueberleben kaempfen, noch wesentlich verschlimmern. Mehmooda sagt: Diese Menschen zahlen fuer die Suenden ihrer Herrscher.

[RAWA] hat Hasspost aus den USA erhalten', sagt sie "aber diejenigen, die so etwas schicken, wissen nicht, dass auch wir Opfer der brutalen Taliban sind. Sie verstehen nicht, dass zwischen den normalen Menschen und einer Handvoll untermenschlicher Brutaler, die unser zerstoertes Land regieren, ein himmelweiter Unterschied besteht."

Nachdem sie jahrelang ihr eigenes Volk gefoltert und gemordet haben, "ist es fuer diese Terroristen ein Witz, ein paar Tausend unschuldige Amerikaner zu toeten", sagt Mehmooda.

Nur wenige Afghanen haben die Bilder der Passagierflugzeuge gesehen, die in die Tuerme des World Trade Centers geflogen sind. In Afghanistan gibt es kein Fernsehen, auslaendische Zeitungen sind verboten, und die offizielle Zeitung druckt keine Fotos: die Taliban behaupten, Fotos seien islam-feindlich.

Die wenigen spaerlichen internationalen Informationen, deren die Afghanen habhaft werden koennen, hoeren sie im BBC und in Voice of America (Stimme Amerikas, Anm. D. Uebers.), wo sie in dieser Woche Berichte ueber Ultimaten und Kriegsvorbereitungen hoerten. Zuhause, im Taliban-Radion, hoerten sie die stoerrischen Weigerungen ihrer Fuehrer, Osama Bin Laden auszuliefern, den die USA als Hauptverdaechtigen fuer die terroristischen Anschlaege vom 11. September betrachten.

Es muss genug sein , dass Tausende von Afghanen aus ihrer Heimat ins nachbarliche Pakistan und den Iran vertrieben wurden. Tausende Menschen, die die Grenze nicht ueberqueren koennen, warten dort mit ihren Familien.

"Jeder, der die afghanisch-pakistanische Grenze ueberqueren will, muss den Grenzposten Schmiergeld zahlen" sagt Mehmooda. "Die Leute, die nach Paklistan gekommen sind (Sonntag) berichten, dass Tausende, die kein Geld zahlen koennen, mit ihren Familien und Kindern an der Grenze warten."

'Wir trauern mit Euch'

Trotz iher Widerspenstigkeit, sagt Mehmooda, werden die Taliban Osama Bin Ladenís Zukunft nicht fuer die Sicherung ihrer eigenen Zukunft eintauschen.

"Die Taliban wollen um jeden Preis an der Macht bleiben", sagt sie. Afghanische Beobachter erwarten, dass die Taliban letztendlich Osama bin Laden an die USA ausliefern, und zwar im Tausch gegen amerikanischen Schutz vor den Anhaengern dieses Terroristen. "Sie werden von den USA eine Garantie fordern, dass die Taliban an der Macht bleiben", sieht Mehmooda voraus.

Zwischenzeitlich sind es jedoch keineswegs die Terroisten, die unter der Wut der Vergeltung der USA leiden, fuerchtet Mehmooda. Es sind die Meschen in den Laeden, die Bauern auf dem Felde, die Kinder zuhause.

"Wenn die USA mit Militaeraktionen zurueckschlagen, wird es unter den normalen Maennern Frauen und Kindern Opfer geben. Es wird uns wieder einmal das Herz brechen zu sehen, wie unser Volk fuer die Verbrechen der Terroristen zahlt."

Es ist ungerecht dass diese Menschen den Preis fuer eine Grausamkeit, die sie nicht begangen haben zahlen muessen, sagt Mehmooda. Und doch sind die Menschen in Afghanistan voller Reue ueber die Geschehnisse in der letzten Woche.

"Unser Volk fuehlt sich entehrt", sagt Mehmooda,. "Unsere Herzen schlagen fuer das amerikanische Volk, und wir trauern mit Euch."


Dianne Lynch, Lehrerin und Journalistin, ist die Autorin von Virtual Ethics. Wired Women wird an jedem zweiten Mittwoch ausgestrahlt.





Aus: http://more.abcnews.go.com/sections/scitech/wiredwomen/wiredwomen.html



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